SCHULPROJEKT

"WERKSTATTUNTERRICHT MIT NOTEBOOKKLASSEN"
Freinets Arbeitsschulkonzept auf Internetbasis



Ein Projekt an der privaten Wirtschaftsschule Dr. Kalscheuer in Rosenheim mit der Klasse 8a des Schuljahres 2001/2002.

Projektleiter:
Dipl. Math. Wolfgang Lentner
Kaiserstaße 10
83022 Rosenheim

Fon: 0 80 31/39 64 44
Fax: 01212-5-170-57-125
e-mail: wolfganglentner@web.de
www.wthlentner.de

Projektziel: Schlüsselqualifikationen

Ein Ziel dieses Projekts ist es, handlungsorientierten Projektunterricht in wesentlich stärkerem Maße im Unterricht umzusetzen als dies in einem herkömmlichen Unterricht möglich wäre. Den Schülerinnen und Schülern soll dabei ermöglicht werden - mit Hilfestellung des Lehrers - möglichst selbstständig ihren Stoff zu erarbeiten, Unterrichtsmaterialien zu erstellen und im Internet zu veröffentlichen. Vorbild für diesen Ansatz ist das von dem französischen Reformpädagogen Celestin Freinet entwickelte Arbeitsschulkonzept mit seinen integrierten Schuldruckereien. Neu ist dabei, als Medium (statt den in Freinets Schuldruckerei erstellten Themenblättern) heute das Internet zu nutzen.

Im Zentrum der pädagogischen Ziele stehen nicht so sehr Stoffgebiete des Lehrplans als vielmehr die vielbemühten Schlüsselqualifikationen Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Sozialkompetenz, Kreativität, Arbeitstechniken, ... . Diese werden im herkömmlichen Schulwesen von den Schülerinnen und Schülern einfach vorausgesetzt. Wie viel sie davon mitbringen, bestimmt, wo sie in unserem dreigliedrigen Schulsystem eingeordnet werden. Um allerdings an ihnen zu arbeiten, fehlt es an der nötigen Zeit ebenso wie an den geeigneten Unterrichtsmethoden, dem organisatorischen Lernumfeld und vielem Anderen mehr.

Projektziel: IT-Kompetenzen

Ein weiteres Ziel des Projekts ist eine wesentlich höhere Bewertung der IT-Kompetenz in der Stoffauswahl. Eine den Erfordernissen der modernen Arbeitswelt entsprechende Vertrautheit mit PC oder modernen Telekommunikationsmöglichkeiten ist nach den vorgesehenen Stundeneinheiten des Lehrplans unmöglich. Übrig bleibt dabei oft nicht mehr als die modernen Möglichkeiten angesprochen zu haben.

Um den Anforderungen einer veränderten Arbeitswelt - aber auch der natürlichen Neugier der Schülerinnen und Schüler - gerecht zu werden, muss aber am Ende der Schulzeit jeder Schüler mit jeder Form von Standardsoftware eigene Projekte erstellt haben sowie die Möglichkeiten des Internets zur Suche von Information und zum Austauch von Informationen mit Anderen intensiv genutzt und bewertet haben.

Um diese Ziele zu erreichen, ist eine Abkehr vom herkömmlichen 45-Minuten-Raster des Stundenplans vonnöten (Büroatmosphäre = Lernwerkstatt), ebenso eine verbesserte technische Ausstattung der Schulen sowie spezielle pädagogische Methoden und damit vollkommen neue Kompetenzen der Lehrkräfte. Jeder, der schon einmal versucht hat, in vielschichtigen Einrichtungen wie einer Schule solche Veränderungen durchzusetzen, wird ermessen können, wie viele Interessen (Schüler, Eltern, Kollegen, Schulleitung, organisatorische Zwänge, Kultusministerium, ...) dabei zu berücksichtigen sind.

Das im Schuljahr 2001/2002 an der privaten Wirtschafts- und Berufsfachschule Dr. Kalscheuer in Rosenheim initiierte Schulprojekt soll einen Ansatz für solch eine Schulentwicklung sein. Viel Wert wurde dabei darauf gelegt, dass dieser erste Schritt an jede andere Schule übertragbar ist, da er sich neben dem herkömmlichen Unterricht einordnet und auch in der eigenen Schule die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit anderen Lehrkräften bildet (Nachmittags), um einer allmählichen Verbreiterung dieser Methode den Boden zu bereiten.

Konkrete Projektgestaltung

An einem Tag in der Woche (= Werkstatttag) kommen die Schüler ganztags in die Schule (8 Uhr - 16 Uhr), um in Form eines "Werkstattunterrichts" den Lehrplan der beiden Fächer "Wirtschaftsmathematik" (3-stündig) und "EDV" (2-stündig) zu erarbeiten. Sie bringen dabei selbstfinanzierte Notebooks mit. In der Schule stehen eine LAN-Verkabelung, ein büroähnlich ausgestattetes Klassenzimmer sowie ein Rechner mit Internetzugang zur Verfügung. Jeder Schüler, der sich "an einer Dose einsteckt" kann sofort mit dem Schulserver und den anderen Klassenkameraden Daten austauschen. Überdies ist er über den Server an das Internet angebunden.

Die Klasse erarbeitet nun im Laufe des Schuljahres zu den Themen des Lehrplanes und anderen schülergewählten Projektthemen (Betriebsportraits, Interviews, Stoffsammlungen, Pressespiegel, Vorstellung örtlicher Jugendangebote, EDV-Lexikon, Aufgabensammlung mit Musterlösungen, ...) komplette Dokumentationen, die in einer Themenplattform im Internet veröffentlicht werden. Möglichst bald soll dieser Themenpool mit anderen Schulen auf Gegenseitigkeit gepflegt werden.

Im Unterrichtsalltag wechseln dabei Lehrervorträge mit Übungsphasen und Zeiten völlig selbstständiger praktischer Arbeit am PC alleine oder im Team ab. Auch Feldarbeit (außer Haus) soll in großem Umfang den Werkstatttag prägen.


Online Lernen

Eine wesentliche Konsequenz der Blockung aller Stunden zweier Fächer auf einen Tag ist die Notwendigkeit einer intensiven Betreuung der Schüler zwischen zwei Werkstatttagen. Dies wird online mit verschiedenen groupware- Techniken geschehen. Auch die Arbeitsaufträge der Schüler sollen von zu Hause aus in Teamarbeit (online) weitergeführt werden. Die Schüler lernen dabei Vorteile und Grenzen von online-Teamwork sowie zeit- und ortsunabhängiger Lerntechniken (asynchrones Lernen) kennen, ohne dass der Liveunterricht dabei ersetzt wird, wie dies manche Euphoriker fordern. In welchem Umfang es möglich ist, Schüler online zu motivieren und wie sich die Praxis dabei - auch unter zeitökonomischen Aspekten - gestaltet, darüber soll die Erfahrung aus diesem Projekt Auskunft geben.

Stoffinhalte

Behandelt wird in diesem Schuljahr der Pflichtstoff der Fächer Wirtschaftsmathematik und EDV in der Jahrgangsstufe 8 der bayerischen Wirtschaftsschulen (vgl. Handelsschulen in den anderen Bundesländern, Lehrplan WIR, Lehrplan EDV), was einem Stoffumfang von 5 Wochenstunden entspricht.

Der zusätzlich zur Verfügung stehenden Nachmittag wird zu Arbeitsphasen und damit zur Vertiefung vor allem des EDV-Stoffes und zum Training der Schlüsselqualifikationen (s.o.) genutzt. Schwerpunkt sind natürlich Inhalte, die der Dokumentation der Themenblätter (s.o.) - auch im www - dienen. Diese müssen nicht von allen Schülern vollständig beherrscht werden. Es wird angestrebt, nach Neigung der Schüler Spezialistenteams (etwa für Grafikbearbeitung, Dokumentation von Mathematischen Texten, html, spezielle WEB - Authorenprogramme, JavaScript, VBA-Programmierung, Betreuung von WEB-Diensten wie zum Beispiel newsgroups oder geschlossener und offener Foren, ...) zu bilden, die dann zur Dokumentation im WEB in Workgroups zusammenarbeiten.

Dokumentation individueller Lernergebnisse

Da die Schüler etwa zur Hälfte der Zeit außerlehrplanmäßige und zudem sehr unterschiedliche Kenntnisse erwerben, ist es unerlässlich in Lernentwicklungsberichten diese zu dokumentieren. Als besondere Form eines Zeugnisses soll am Ende des Projekt jeder Schüler eine Online-Bewerbung besitzen: Eine kurze Vorstellung seiner Person im Internet, sein Lernentwicklungsbericht sowie eine Führung durch alle WEB-Dokumente, an denen er mitgewirkt hat.

Fachlicher Austausch, Supervision, wissenschaftliche Betreuung

Der Initiator und betreuende Lehrer ist seit einem Jahr Teilnehmer des Sonderprojekts INFO-SCHUL des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung und hat hierüber umfangreiche Möglichkeiten in dem dortigen Schulverbund seine Erfahrungen mit anderen Kollegen und der wissenschaftlichen Betreuung "scientific consulting GmbH" rückzukoppeln.

Die an der Schule vorhandene Supervisionsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Kurt Singer gibt die Möglichkeit, den Entwicklungsprozess des Projekts als Teil der Schulentwicklung regelmäßig und fachlich kompetent zu begleiten.

Zur Schule

Die private Wirtschafts- und Berufsfachschule Dr. Kalscheuer, Rosenheim vereinigt zwei unterschiedliche Schultypen unter einem Dach. Eine bayerische Wirtschaftsschule (vgl. Handelsschule in anderen Bundesländern) mit den Jahrgangsstufen 7 bis 10, die mit der mittleren Reife abgeschlossen wird sowie eine Berufsfachschule (BFS) für kaufmännische Assistenten, die nach zwei Jahren (Jhrgst. 11 und 12) Vollzeitunterricht mit Schwerpunkt EDV (16 Wochenstunden) und Rechnungswesen und einem sechswöchigen Betriebspraktikum zum staatlich annerkannten kaufmännischen Assistenten führt (inhaltlich ist die Ausbildung den höheren Handelsschulen in anderen Bundesländern vergleichbar).

An der Berufsfachschule existieren seit nunmehr sechs Jahren Notebookklassen, in denen den Schülerinnen und Schülern über die gesamte Ausbildungsdauer ein Notebook in der Schule und zu Hause zur Verfügung steht.

An der Wirtschaftsschule nimmt handlungsorientiert geführter Unterricht mit EDV-Bezug ebenfalls einen hohen Stellenwert ein (10 Wochenstunden in den Fächern Übungsfirma, Finanzbuchhaltung, EDV, Projekt, Textverarbeitung).

Entsprechend positiv sind die Entwicklungschancen des Projekts, da sowohl die technischen als auch die personellen Ressourcen vorhanden sind, um das Projekt mittelfristig auf eine breitere Basis zu stellen.

Wolfgang Lentner, Initiator des Projekts und betreuender Lehrer


Letzte Aktualisierung: 20. Oktober 2001